EURO Krise Griechenland

Die Volksstimme Magdeburg veröffentlichte heute (22.6.11) folgenden Text:

Niels Angermüller, Professor für internationales Finanzmanagement in Wernigerode, zur Schuldenkrise in Europa
Vor der Rückkehr zu Drachme und D-Mark?
Von Tom Koch

Beim Thema Bürgschaft schießen Niels Olaf Angermüller spontan zwei Fragen durch den Kopf: “Kann ich es mir leisten, dieses Geld notfalls auch zu verschenken?” und “Würde ich es dieser Person, für die ich bürge, zur Not auch schenken?”

Angermüller, Professor für internationales Finanzmanagement an der Hochschule Harz, sieht im Volksstimme-Gespräch die aktuellen Finanzdebatten der Politiker durchaus kritisch. Zu wenig fachlich begründet, zu oft im Versuch, gängigen Meinungen, gepflegten Vorurteilen zu entsprechen. Stichwort: Rentenalter der Griechen.

Gestern Abend hat er an der Wernigeröder Hochschule Harz in der “GenerationenHochschule” zum Thema gesprochen. Seine dritte öffentliche Vorlesung zur Finanz- und Wirtschaftskrise binnen zweier Jahre. Ihm ist wichtig, dass dabei nicht von einer Krise der Euro-Währung, stattdessen von einer Schuldenkrise gesprochen wird. Und diese nehme immer bedrohlichere Ausmaße an, zumal Tag für Tag neue Schulden “produziert” werden.
Der Finanzexperte verweist zunächst auf Irland. Jene Insel, auf der er selbst für eine Bank gearbeitet hat. Die Iren haben vom Europäischen Stabilitätsfonds Hilfen im Umfang von 85 Milliarden Euro zugesagt bekommen. Dabei weise ihre Wirtschaftskraft gerade einmal 160 Milliarden Euro aus – für Angermüller ein durchaus riskantes Missverhältnis.

Der Finanz-Professor rechnet vor, Deutschland hat 27 Prozent Anteile am “Euro-Rettungsschirm 2010”. Das bedeute, mehr als ein Viertel des dafür benötigten Geldes kommt aus der Berliner Republik. Deutschland habe 22 Milliarden Euro eingezahlt und für 168 Milliarden Euro Garantien gegeben. Mithin bedeutet diese unvorstellbare Summe, dass jeder Bundesbürger statistisch mit cirka 2375 Euro zur Kasse gebeten wird. Allerdings stört sich Niels Olaf Angermüller weniger an diesen knapp 2400 Euro, vielmehr daran, dass auch diese Bürgschaften auf Pump finanziert werden.
Keine Frage, wer sich heute zu Finanzthemen äußert, kommt an Griechenland einfach nicht vorbei. Da kann der Wissenschaftler nur vor der Gefahr warnen, dass dieses Land die zugesagten Euro-Garantien auch in Anspruch nehmen werde. Dann werde es auch für die Deutschen teuer. Diese Bürgschaften werden nämlich nicht aus dem “Sparstrumpf” finanziert, dafür sind eigene neue Schulden notwendig, so Angermüller.
Angesichts einer ständig geringer werden Bevölkerung steige die Pro-Kopf-Verschuldung ohnehin. Das wiederum bedeute, die Anstrengungen für die notwendige Haushaltskonsolidierung werden zunehmend größer und größer.
Welchen Ausweg aus diesem Dilemma weiß der Geldexperte? Angermüller scheut sich nicht, die Zukunft der Gemeinschaftswährung in Frage zu stellen. Nützt der nach wie vor stabile und starke Euro den Schuldenländern wie Portugal, Italien, Griechenland und Spanien (PIGS) wirklich? Verfügte Athen über seine Nationalwährung, könnte der Wechselkurs der Drachme gegenüber dem Euro abgewertet werden – Stichwort “Schuldenschnitt”.
Ohnehin bewiesen Länder wie Großbritannien und skandinavische Staaten, dass man in der EU auch ohne die gemeinsame europäische Währung wirtschaftlich erfolgreich sein könne. Der Professor kann sich daher auch vorstellen, dass es einen Nord- und einen Süd-Euro geben könnte, einmal für die Finanzstarken und für die “Sorgenländer” – mit dem Vorteil flexibler Wechselkurse.
Selbst einer Rückkehr zur 50 Jahre lang erfolgreichen D-Mark würde er sich nicht verschließen. In diesem Zusammenhang räumt er mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, dem Export-Weltmeister nütze der Euro in besonderer Weise. Angermüller zufolge ist Deutschlands Handelsvolumen seit 2001 mit Nicht-Euro-Ländern stärker gewachsen als im Euro-Raum.
Gleichwohl weiß der Professor durchaus, dass diese Krise längst eine politische Dimension höchster Qualität erreicht hat – siehe das jüngste bilaterale “Griechenland-Treffen” des Franzosen Sarkozy mit Kanzlerin Merkel in Berlin. Ohnehin umweht den Euro der Ruch, von Anfang an ein Projekt der Politik gewesen zu sein.

Wären bei dieser Währungsreform seinerzeit die strengen Kriterien anhand der 1996er Kennziffern angewandt worden, würde es in ganz Europa lediglich in Luxemburg den Euro geben. Und Griechland, so Angermüller, habe seither in noch keinem Jahr diese Kriterien erfüllt … Gleichwohl, die Politik der Europäischen Zentralbank kann nicht speziell auf die Interessen kleinerer Länder wie Irland ausgerichtet sein. Das Ungleichgewicht der Wirtschaftskraft innerhalb Europas bedeutet für den gemeinsamen Euro das größte Problem, schätzt der Professor ein.

Sollen die aktuellen Probleme wieder nur vom Steuerzahler geschultert werden? Der internationale Finanzexperte sagt nein. Zwar haben Länder wie Frankreich und die Schweiz im großen Umfang griechische Staatsanleihen gekauft, aber ebenso deutsche Banken. Diese hätten diese Schuldentitel bewusst wegen der hohen Rendite erworben. Doch inzwischen wisse wirklich ein jeder, dass hohe Gewinnversprechen zugleich auch ein höheres Risiko bedeuteten. Darum, so Angermüller, sind private Geldinstitute ebenfalls gefordert, ihren Teil an der Bewältigung dieser Finanzprobleme zu leisten.
Unabhängig davon, wer im Tauziehen von Politik und Finanzexperten um die beste Lösung in der Schuldenkrise obsiegt, für Prof. Angermüller steht fest: “Alle derzeitigen Hilfen, speziell für die Griechen, werden nicht ausreichen, diese Probleme zu lösen. Sie verfügen, angesichts einer Verschuldungsquote von 150 Prozent gegenüber dem Bruttoin- landsprodukt, nicht über eine ausreichende Finanzkraft.”
Angermüller kann auch Klartext reden: “Die Schuldenländer haben schlicht und ergreifend über ihre Verhältnisse gelebt”, sagt er dann. Es werde irgendeinen “Schnitt” geben müssen. Für den 37-Jährigen steht ebenso fest: “Irgendjemand muss die Zeche zahlen. Es gibt keine Lösung, die keinem wehtut. “

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